Am 1. Juni 2026 wäre Norma Jean Mortensen, besser bekannt als Marilyn Monroe, 100 Jahre alt geworden. Viele Artikel haben ihr gratuliert und ihren Werdegang beschrieben. Dabei ist vielleicht etwas zu kurz gekommen, dass die Monroe nicht nur das Sex Symbol der 50er- und 60er Jahre war, sondern auch ... eine Leseratte. Unvergessen ist das Foto aus dem Jahr 1955, das die Monroe im buntgestreiften ärmellosen Trikot auf einem Spielplatz zeigt, während sie in James Joyce Ulysses blättert. Kenner haben darauf hingewiesen, dass sie bereits am Ende des Buchs angekommen ist und sie, mit leicht nach oben gezogenen Augenbrauen, die 'Stellen' liest, wegen derer das Buch lange auf den Verbotslisten der englischen und amerikanischen Zensurbehörden stand. So musste Joyce nach Paris ausweichen, wo Sylvia Beach, Chefin der berühmten Buchhandlung Shakespeare and Company, das Buch 1922 verlegte, pünktlich zum 40. Geburtstag seines Autors.

Unvergessen auch die Fotos, die Marilyn mit der ungekrönten Königin der englischen Exzentrik Edith Sitwell zeigen. Die verschrobene Aristokratin und das amerikanische Sexsymbol. 1956 warb die Monroe in London für ihren Film The Prince and the Showgirl. Sie war depressiv und drogenabhängig, ihre Ehe mit dem Dramatiker Arthur Miller stand vor dem Aus und sie befand sich bei Anna Freud in Therapie. Aber sie fand immer wieder Zeit für die Literatur und hatte den Wunsch nach einer Begegnung mit Edith geäußert. Die Zeitungen witterten eine Sensation, die scharfzüngige, abgehobene Intellektuelle und das Hollywood-Dummchen, das konnte ja nicht gutgehen. Ging es aber doch. Die Sitwell war angetan von der bescheidenen und belesenen Literaturkennerin und die Monroe war begeistert von der freundlichen Aufnahme durch die Ikone der Bohème.

Die Sitwell, Verfasserin avantgardistischer Gedichte und Autorin von Biografien, gehörte der Intelligentia von Londons Fitzrovia an, die mit der aus dem gleich nebenan gelegenen Bloomsbury konkurrierte. Dabei ging es um nichts Geringeres als die Frage, wer Chef im Ring der Moderne war. Modern im Sinne der Kunst und, nach dem Ende des viktorianischen Zeitalters, modern in der Art der Lebensführung. Rauh, wild, existentiell die Bohème in Fitzrovia, kultiviert, geistreich und gutsituiert die Schriftsteller- und Malergemeinde in Bloomsbury. Nur die Promiskuität war ähnlich. Edith Sitwell hat es auf den Punkt gebracht: hier die bottle-wielding school of thought („flaschenschwenkende Denkschule“), dort das home of an echoing silence („Heim einer nachhallenden Stille“). Die Woolfs und die Bells, Duncan Grant, Aldous Huxley, Lytton Strachey oder John Maynard Keynes für Bloomsbury, Julian McLaren-Ross, Nina Hamnett, Percy Wyndham Lewis, Anthony Powell, George Orwell, Dylan Thomas oder eben die Geschwister Sitwell für Fitzrovia.

Die Sitwells mit ihren wunderbaren Vornamen. Edith, der Name der Ältesten, klingt noch handelsüblich, aber ihre Brüder hießen Osbert und Sacheverell, was schon seinerzeit ungewöhnlich war. Ihr Vater Sir George, der wie seine Frau Ida, geborenen Londesborough, der englischen Aristokratie entstammte, erfreute sich an mittelalterlicher Geschichte und ihren Heiligen und taufte seine Kinder entsprechend. Wie die Namen, so die Kinder. Vor allem Edith liebte den exzentrischen Auftritt, selbst für die von ihr geprägte Avantgarde waren ihre Auftritte mit ihren Turbanen, Schleiern, Ringen und Brokatgewändern bemerkenswert. Ihr Schmuck ist heute im V&A Museum zu bewundern. Ihre Auftritte blieben nicht ohne ablehnende Reaktionen. Aber sie hat es ihren Kritikern heimgezahlt. In ihrer Autobiografie Taken Care of. An Autobiography (1965) hat sie, über das "Maß des Erträglichen hinaus provoziert" die Herren D. H. Lawrence und Percy Wyndham Lewis mit "einigen harten Klapsen" bedacht.